Die Natur im Fokus der Fotografie
                                      

Berge, Wildnis, Abenteuer... 

Auf Vogeltour im Herzen Schwedens

Dalahäst in Mora

1995 war ich zum ersten Mal in Schweden. Damals sollte es einer dieser typischen Urlaube werden - mit der Familie auf Erlebnistour in einem Skigebiet Mittelschwedens mitten im Sommer. Mein damals fünfjähriger Sohn beschwerte sich bereits nach kurzer Zeit über die lange Autofahrt durch das weite Land und die restliche Begleitung nach unserer Ankunft über die wenig vorhandenen Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung nach europäischem Standard. Ich verliebte mich jedoch ganz nebenbei sofort in diese unbeschreibliche Natur! Wir waren in Idre, dem südlichsten Samendorf in Schweden, dort wo die Rentiere ihr Sommerweideland vorfinden. 

Rentiere? Ja, es war tatsächlich so, dass wir im Laufe unseres Aufenthalts auch auf diese für Lappland doch so typischen Tiere stießen. So stand beispielsweise auch ein Same mit seinem Rentier zu regelmäßigen Terminen in der Nähe der Ferienhaussiedlung für Fotoaufnahmen zur Verfügung -selbstverständlich gegen ein gewisses Entgelt. Später trafen wir auch in der Natur auf Rentiere. Außerdem fuhren wir nach Røros, einer ehemaligen Bergarbeiterstadt in Norwegen, und dies waren dann auch schon die eigentlichen Highlights dieser ersten Skandinavienreise. Als gelungenen Familienurlaub konnte man diesen Ausflug keinesfalls bezeichnen, zumal auch der eigentliche Höhepunkt eines Schwedenurlaubs fehlte - die Sichtung von Elchen.

Ein paar Jahre später waren das Ziel und auch die Gegebenheiten vor Ort zwar noch annähernd gleich, allerdings haben sich bei mir die Vorstellungen von einem erholsamen Urlaub und auch die Voraussetzungen dafür grundlegend geändert. Ich wollte einzig und allein in die Natur und dort gezielt nach Vögeln Ausschau halten, um sie zu beobachten und wenn möglich zu fotografieren. Die erste Reise mit dieser Zielsetzung verlief allerdings etwa planlos; Vögel begegnete ich dadurch auch nur eher zufällig. Zwar wurde jeder See genauestens nach Wasservögeln abgesucht und in den Wäldern spähte ich nach allen möglichen Kleinvögeln, aber das Ergebnis meiner Ausbeute war dennoch gering. Dies sollte nicht so bleiben, war mein fester Entschluss. 

Midsommar-Feierlichkeit in Rättvik

Der Plan war zukünftig jedes Jahr mindestens einmal in den nordwestlichen Teil von Dalarna zu reisen, so wie dieses Land in Schwedens genannt wird. Ich wollte diesen Landstrich unbedingt näher kennenlernen, insbesondere die Vogelwelt, die sich mitunter deutlich von der hiesigen unterscheidet. 

"Dalarna - da wo Schweden am schwedischten ist" liest man des Öfteren in den bunten Werbeprospekten der Reiseveranstalter oder Tourismusverbände. Und es ist wirklich so, dass in Dalarna Traditionen einen festen Bestandteil im Leben der Bevölkerung einnehmen. Die midsommar-Feierlichkeiten in Rättvik sind beispielsweise dafür bekannt, dass viele Schweden in ihren Trachten zum Aufstellen des Maibaums erscheinen und mit ihren Landsleuten gemeinsam den längsten Tag des Jahres feiern. Bekannt ist auch das legendäre Dalahäst (Dalapferdchen), das in dem kleinen Ort Nusnäs immer noch in Handarbeit hergestellt wird. Auch der Vasalauf ist vielen Menschen ein Begriff; er zieht Jahr für Jahr tausende Menschen aus der ganzen Welt nach Sälen, um sich von dort aus auf Skiern auf die 90 Kilometer lange Strecke nach Mora zu begeben. Traditionen haben mit ihrer Kunst aber auch die Maler Anders Zorn und vor allem Carl Larsson geprägt, die einst in Dalarna lebten. Es ist ganz wunderbar die Kultur dieses Landes erleben zu dürfen, dazu noch dieses ruhige Leben, dass uns die Schweden auf ganz wunderbare Weise offenbaren, scheinbar ohne jeglichen Stress und Hektik. Eine wunderbare Art zu entschleunigen verbirgt sich somit ganz automatisch hinter jedem Schwedenurlaub, und dann ist da ja noch diese grandiose Natur!

Bleiben wir in Dalarnas Nordwesten. In Idre befindet sich eines von Schwedens bekanntesten Skigebieten. Unzählige Abfahrtmöglichkeiten offenbaren sich dem menschlichen Auge und lassen in dieser Gegend insbesondere zur Winterzeit eine eigene Welt entstehen, ausgerichtet auf die zahlreichen Wintersporttouristen. Während der wärmeren Jahreszeit ist es hier zwar bedeutend ruhiger, aber "fågelskadare", wie die Vogelinteressierten in Schweden genannt werden, finden hier auch zu dieser Zeit ein nur begrenztes Betätigungsfeld vor. So zog es mich stets ein kleines Stück weiter nördlich in das Nipfäll. Von der Ortschaft Idre aus durchquert man auf der Fahrt in das Nipfjäll einen sehr alten Wald, in dem man mit etwas Glück auf Dreizehenspechte (Picoides tridactylus) und Sperbereulen (Surnia ulula) stoßen kann. Auch viele Kleinvögel halten sich darin versteckt; ein kurzer Stopp lohnt sich! Nachdem der Wald durchfahren wurde erreicht man einen Parkplatz; hier beginnt dann auch schon die Baumgrenze. 

Blick vom Molnet auf den Städjan

Mit dem PKW kann man jetzt noch einige Kilometer weiterfahren, bis man einen weiteren Parkplatz erreicht und die Straße ab da nicht mehr weiterführt. Dort befindet man sich dann bereits mitten im Nipfjäll und kann eine unglaubliche Aussicht über die weite Landschaft genießen. Diese Gegend gehört schon zum südlichen Teil Lapplands und ist typisch für die Gebirgsform in dieser Region. Flachwellige Erhebungen erlauben eine weite Sicht. Bemerkenswert ist die Form des Städjan, der sich mit 1.131 m ü. NN über die Landschaft erhebt. Unmittelbar neben dem Parkplatz erhebt sich der etwas höhere Molnet, der auf seinen 1.191 m ü. NN relativ leicht bestiegen werden kann. Von dort oben stellt sich die Weite der Landschaft noch einmal in besonderer Weise dar. In dieser Höhe kann man beispielsweise auf Alpenschneehühner (Lagopus muta) oder auch Schneeammern (Plectrophenax nivalis) treffen, weiter unten dann sogar auf Mornellregenpfeifer (Charadrius morinellus). 

Mornellregenpfeifer mit Küken im Nipfjäll

Dem Mornellregenpfeifer möchte ich an dieser Stelle einen eigenen Abschnitt widmen, hinterließ die Begegnung mit diesen Tieren bei mir doch auch gleichzeitig eine stets bleibende Erinnerung. Als Naturliebhaber habe ich selbstverständlich das Buch "Mein Freund der Regenpfeifer" gelesen, in dem der schwedische Naturforscher Bengt Berg seine große Freude an diesen Vögeln emotional und eindrucksvoll darstellt. Mein großer Wunsch war es immer, diese Beschreibungen Bengt Bergs einmal selbst erleben zu dürfen, mit dem Mornellregenpfeifer förmlich auf Tuchfühlung zu gehen, das war einer meiner Träume. Der schwedischen Sprache so leidlich mächtig las ich dann während eines Aufenthalts in Dalarna im Jahr 2017, dass im Nipfjäll ein vermutlich brütendes Paar Mornellregenpfeifer gesichtet worden ist. Mehrere Fahrten ins Fjäll blieben daraufhin aber immer noch ergebnislos. Die gutgetarnten Vögel im teils steinigen, mit niedrigen Büschen und Flechten bewachsenen Gelände als Brutvögel zu entdecken ist nicht so einfach, zumal sie sich aufgrund ihrer geringen Fluchtdistanz erst spät von ihrem Gelege entfernen. Am letzten Urlaubstag dann aber die unglaubliche Begegnung - zwei Mornellregenpfeifer bewegten sich über das Gelände. Bei der Annäherung erkannte ich dann auch noch, dass sich 3 erst wenige Stunden alte Küken in der Nähe der Altvögel aufhielten. Die Freude war groß und teilweise musste ich meine Distanz zu den Tieren vergrößern, um die Regenpfeifer nicht laufend formatfüllend auf die Fotos zu bannen. Die Mornellregenpfeifer waren äußerst zutraulich; die Küken ließen sich vorsichtig in die Hand nehmen und die Eltern näherten sich dem Menschen in diesem Fall bis auf etwa 30 cm. Der Mornellregenpfeifer wurde früher im deutschen Sprachraum auch "dummer Regenpfeifer" genannt, was auf das wenig schreckhafte Verhalten dieser Vögel hindeuten sollte. Die Samen nennen ihn Láhol - "der Vogel, der dem Menschen vertraut". Welche Aussage in der heutigen Zeit die wohl zutreffendere ist, kommt einzig und allein auf die Betrachtungsweise an. Ich persönlich schließe mich da lieber  den Samen an, denn die Begegnung mit dem kleinen Regenpfeifer war ein Naturerlebnis, dass ich nie vergessen werde und ich war in diesem Moment tatsächlich sehr dankbar für das Vertrauen, dass mir diese Vögel entgegengebracht haben.

Rentier im Nipfjäll.

Neben der grandiosen Natur und den besonderen Vögeln gibt es im Nipfjäll aber noch mehr zu entdecken. Die Gegend ist fast schon ein Garant dafür, dass man hier Rentiere in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten kann. Aber es gibt auch eine Touristenattraktion. Als Zauberweg wird dort eine Stelle bezeichnet, die für eine optische Täuschung sorgt. An einer bestimmten Stelle des Weges zwischen den beiden bereits erwähnten Parkplätzen soll man seinen PKW stoppen und in den Leerlauf schalten. Mit Erstaunen wird man nach dem Lösen der Bremse feststellen, dass der fahrbare Untersatz scheinbar bergauf rollt. 

Wenn man sich schon einmal in dieser Gegend befindet, dann lohnt ein Abstecher in Richtung Norden zum Grövelsjön. Dort kommt man in ein weiteres skandinavisches Gebirge, in dem man auf Schneehühner, Steinschmätzer (Oenanthe oenanthe), Wasseramseln (Cinclus cinclus), Unglückshähern (Perisoreus infaustus) und Flussregenpfeifern (Charadrius dubius) treffen kann. Auch Steinadler (Aquila chrysaetos) kommen in dieser Region vor. 

In jedem Fall lohnt es sich, einfach mal von den üblichen Straßen abzuweichen und Waldwege zu befahren. Oft stößt man dabei auf kleine Seen, auf denen sich vielleicht ein Prachttaucher (Gavia arctica) aufhält oder auf deren Insel sich ein Fischadler-Paar (Pandion haliaetus) einen Horst errichtet hat. Mit seinem motorisierten Fahrzeug von befestigten Wegen abzuweichen ist auch in Schweden nicht erlaubt, aber dafür geht man mit vielen anderen Dingen äußerst großzügig um. In Schweden ist das freie Bewegen in der Natur zu Fuß, mit dem Fahrrad, auf Skiern oder beispielsweise im Kajak völlig normal, denn hier gilt das Allemansrätt (Jedermannsrecht). Man darf keinen Schaden in der Natur anrichten, muss Rücksicht nehmen und behutsam mit der Natur umgehen. Das Zelten ist eine Nacht lang in der Natur erlaubt, Grundstückseigentümer sollte man aber vorher fragen und der Müll ist selbstverständlich mitzunehmen. Beeren und Pilze darf man sammeln; für das Angeln benötigt man aber in der Regel eine Erlaubnis (fiskekort). In Naturschutzgebieten gelten mitunter besondere Vorschriften, über die man sich zuvor unbedingt informieren sollte. 



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