Der Rotschenkel (Tringa totanus) – Ein Charaktervogel offener Feuchtlandschaften
Der Rotschenkel (Tringa totanus) gehört zu den bekanntesten Limikolen Europas und ist in weiten Teilen der gemäßigten und borealen Zone Eurasiens verbreitet. Seine Brutgebiete reichen von Island und den Britischen Inseln über Skandinavien und Mitteleuropa bis weit nach Russland. In Europa nimmt Skandinavien eine besondere Bedeutung für den Erhalt dieser Vogelart ein und vor allem Schweden bietet großflächige Brutgebiete mit vergleichsweise stabilen Populationen. In Deutschland sind die Bestände in den vergangenen Jahrzehnten hingegen deutlich zurückgegangen. Durch seine enge Bindung an Feuchtwiesen und Flachgewässer gilt der Rotschenkel als wichtige Indikatorart für naturnahe Offenlandschaften und extensiv genutzte Feuchtgebiete.
Erscheinungsbild
Der Rotschenkel erreicht eine Körperlänge von etwa 27 bis 30 cm bei einer Flügelspannweite von 47 bis 53 cm. Mit einem Gewicht zwischen 120 und 190 g zählt er zu den mittelgroßen Vertretern der Schnepfenvögel. Prägend für diese Vogelart sind ihre leuchtend orangeroten Beine, die der Art ihren deutschen und schwedischen (rödbena) Namen verliehen haben. Der Schnabel ist an der Basis ebenfalls rötlich-orange gefärbt und geht zur Spitze hin in Schwarz über.
Das Gefieder der Unterseite ist sehr variabel weiß und braun gemustert, die Oberseite ist braun, schwarz und grau gefleckt. Im Brutkleid erscheint die Brust kräftiger gestrichelt als im Schlichtkleid. Im Flug fallen der breite weiße Flügelhinterrand sowie der weiße Rücken auf, der sich bis über den Bürzel erstreckt. Männchen und Weibchen unterscheiden sich äußerlich nur geringfügig; Weibchen sind im Durchschnitt etwas größer und besitzen häufig einen etwas längeren Schnabel.
Besonders charakteristisch ist der weithin hörbare, melodische Warnruf, der vor allem während der Brutzeit häufig zu hören ist und den Rotschenkel zu einer der akustisch auffälligsten Limikolen Europas macht. Dadurch verraten diese Vögel ihre Anwesenheit immer wieder sehr schnell
Taxonomie und Unterarten
Der Rotschenkel wurde 1758 von Carl von Linné in der 10. Auflage seines Systema Naturae erstmals wissenschaftlich beschrieben und zählt zu den am weitesten verbreiteten Arten der Gattung Tringa.
Nach der aktuellen IOC World Bird List werden sechs Unterarten anerkannt, die sich vor allem hinsichtlich Körpergröße, Schnabellänge, Gefiederfärbung und ihrer geographischen Verbreitung unterscheiden:
• Tringa totanus totanus – Nominatform; Brutvogel in weiten Teilen Nord-, Mittel- und Osteuropas. Sie kommt unter anderem in Schweden, Finnland, Dänemark, den baltischen Staaten sowie in Teilen Deutschlands vor.
• Tringa totanus robusta – brütet auf Island und den Färöern. Diese Unterart ist deutlich größer und kräftiger gebaut als die Nominatform und besitzt einen längeren Schnabel.
• Tringa totanus eurhina – besiedelt den Schwarzmeerraum, die südliche Ukraine, den Kaukasus sowie angrenzende Gebiete Vorderasiens.
• Tringa totanus ussuriensis – kommt im südöstlichen Sibirien, im Amurgebiet, in Nordostchina und im Fernen Osten Russlands vor.
• Tringa totanus terrignotae – brütet in den Steppen- und Feuchtgebieten Zentralasiens bis in die Mongolei und den Nordwesten Chinas.
• Tringa totanus craggi – besitzt ein kleines Verbreitungsgebiet im östlichen Anatolien und angrenzenden Regionen des Südkaukasus.
In Schweden und auch Deutschland tritt ausschließlich die Nominatform Tringa totanus totanus als Brutvogel auf. Sie prägt das Erscheinungsbild der Art in den nord- und mitteleuropäischen Feuchtgebieten und stellt einen bedeutenden Anteil der europäischen Brutpopulation. Obwohl sich die Unterarten in ihren Verbreitungsgebieten gut unterscheiden lassen, sind ihre morphologischen Unterschiede vergleichsweise gering und im Freiland oftmals kaum zu erkennen.
Lebensraum und Verbreitung in Schweden
Schweden gehört zu den bedeutendsten Brutgebieten des Rotschenkels in Nordeuropa. Die Art ist nahezu landesweit verbreitet, wobei die höchsten Dichten in den küstennahen Niederungen Süd- und Mittelschwedens sowie auf den Inseln Öland und Gotland erreicht werden. Auch entlang der Ostseeküste, in den Schären sowie in zahlreichen Binnenfeuchtgebieten kommt der Rotschenkel regelmäßig vor.
Als Brutgebiet bevorzugt diese Spezies offene, übersichtliche Landschaften mit niedriger Vegetation. Hierzu zählen Feuchtwiesen, Salzwiesen, Überschwemmungsflächen, flache Seen, Moore sowie extensiv genutztes Grünland. Besonders attraktiv sind Standorte mit einem zusammenhängenden Wechsel aus flachen Wasserstellen, offenen Schlammflächen und niedriger Vegetation.
Nahrung
Der Rotschenkel ernährt sich überwiegend von wirbellosen Tieren. Zum Nahrungsspektrum gehören Regenwürmer, Insekten und deren Larven, Käfer, Zweiflügler, Spinnen, Schnecken sowie kleine Krebstiere und Würmer. In Küstengebieten spielen zusätzlich Borstenwürmer, kleine Muscheln und Garnelen eine wichtige Rolle.
Bei der Nahrungsaufnahme schreitet der Vogel langsam durch flaches Wasser oder über feuchten Boden und nimmt Beutetiere entweder direkt von der Oberfläche auf oder ertastet sie mit seinem empfindlichen Schnabel im weichen Sediment.
Während der Jungenaufzucht steigt der Bedarf an eiweißreicher Nahrung erheblich. Ein reiches Insektenangebot ist daher eine wesentliche Voraussetzung für einen Bruterfolg.
Fortpflanzung und Sozialverhalten
Die Brutzeit beginnt in Südschweden meist bereits Ende April und erreicht ihren Höhepunkt im Mai. Das Nest wird als flache Bodenmulde in niedriger Vegetation angelegt und mit trockenen Pflanzenteilen ausgepolstert. Die gute Tarnung schützt das Gelege vor Fressfeinden.
Ein Gelege besteht in der Regel aus vier Eiern, die etwa 23 bis 25 Tage lang von beiden Altvögeln bebrütet werden. Die Küken verlassen das Nest bereits wenige Stunden nach dem Schlupf. Sie werden von beiden Eltern geführt und verteidigt. Besonders während dieser Zeit zeigen Rotschenkel ein ausgesprochen aggressives Verhalten gegenüber potenziellen Feinden.
Außerhalb der Brutzeit lebt die Art gesellig und bildet auf Rastplätzen oft größere Trupps, die gemeinsam nach Nahrung suchen.
Bestandsentwicklung in Schweden
Schweden beherbergt einen bedeutenden Anteil der nordeuropäischen Brutpopulation. Insgesamt gelten die Bestände vieler Regionen noch als vergleichsweise stabil, wenngleich in einigen Landesteilen rückläufige Entwicklungen festgestellt wurden. Besonders in intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebieten Südschwedens sind lokale Bestandsabnahmen nachgewiesen.
Die Küstenpopulationen entwickeln sich vielerorts günstiger als Binnenpopulationen, da hier häufig noch großflächige Salzwiesen und extensiv beweidete Strandwiesen erhalten geblieben sind. Gleichzeitig wirken sich Veränderungen des Wasserhaushalts, die Aufgabe traditioneller Weidewirtschaft sowie eine zunehmende Verbuschung negativ auf geeignete Brutflächen aus.
Global wird der Rotschenkel derzeit von der IUCN als „Least Concern“ eingestuft. Regional zeigen jedoch zahlreiche Monitoringprogramme langfristige Rückgänge, sodass geeignete Schutzmaßnahmen erforderlich werden können.
Vergleich mit der Bestandssituation in Deutschland In Deutschland war der Rotschenkel früher ein weit verbreiteter Brutvogel der Nordseeküste sowie zahlreicher Feuchtwiesen im Binnenland. Heute konzentrieren sich die Brutvorkommen überwiegend auf die Küstenregionen Niedersachsens und Schleswig-Holsteins sowie auf wenige Restbestände im Binnenland.
Der starke Rückgang ist vor allem auf die Intensivierung der Landwirtschaft, Entwässerungsmaßnahmen, den Verlust extensiv bewirtschafteter Feuchtwiesen sowie eine zunehmende Prädation zurückzuführen. Viele ehemalige Brutgebiete sind inzwischen leider vollständig aufgegeben worden.
Während Schweden vielerorts noch großflächige, vergleichsweise naturnahe Brutgebiete besitzt, ist der Lebensraum des Rotschenkels in Deutschland häufig stark fragmentiert. Dadurch reagieren die vorhandenen Rotschenkel-Populationen wesentlich empfindlicher auf Veränderungen der Landnutzung.
Gefährdungen und Schutzaspekte
Zu den wichtigsten Gefährdungsursachen zählen die Entwässerung von Feuchtgebieten, die Intensivierung der Grünlandbewirtschaftung, frühe Mahdzeiten sowie die Aufgabe traditioneller Beweidung. Dadurch gehen offene Brutflächen verloren oder die Gelege werden während der Brutzeit zerstört. Hinzu kommt in vielen Regionen ein hoher Prädationsdruck durch Fuchs, Marderhund, Wildschwein sowie Rabenvögel.
In Schweden besitzt der Erhalt extensiv genutzter Strandwiesen und Feuchtgebiete eine zentrale Bedeutung für den langfristigen Schutz der Art. Regelmäßige Beweidung verhindert die Verbuschung und erhält die für den Rotschenkel typische offene Landschaft. In Deutschland konzentrieren sich Schutzmaßnahmen vor allem auf Vertragsnaturschutz, Wiedervernässung von Feuchtgrünland und ein angepasstes Grünlandmanagement.
Wissenschaftliche Bedeutung
Der Rotschenkel gilt als hervorragende Indikatorart für den Zustand offener Feuchtlandschaften und Küstenökosysteme. Veränderungen seiner Bestände spiegeln häufig Veränderungen der Wasserstände, der Grünlandbewirtschaftung sowie des Nahrungsangebots wider.
Langfristige Untersuchungen aus Schweden, Finnland und Großbritannien liefern wertvolle Erkenntnisse über Populationsdynamik, Brutbiologie und Zugverhalten. Aufgrund seiner guten Erfassbarkeit zählt der Rotschenkel zu den wichtigsten Zielarten vieler internationaler Monitoringprogramme für Wiesenvögel.
Zusammenfassung
Der Rotschenkel ist einer der charakteristischen Watvögel Europas und prägt mit seinen auffälligen roten Beinen und seinen weithin hörbaren Rufen zahlreiche Feuchtgebiete Skandinaviens. Schweden besitzt noch großflächige Brutgebiete mit vergleichsweise stabilen Populationen, insbesondere entlang der Ostseeküste sowie auf den Inseln Öland und Gotland.
In Deutschland ist die Situation eine andere. Der Verlust extensiv genutzter Feuchtwiesen und die Intensivierung der Landwirtschaft haben zu erheblichen Bestandsrückgängen geführt. Der langfristige Erhalt der Art erfordert den Schutz naturnaher Feuchtgebiete, eine extensive Grünlandbewirtschaftung sowie die Sicherung störungsarmer Brutlebensräume.
Als Leit- und Indikatorart offener Feuchtlandschaften besitzt der Rotschenkel sowohl für den Naturschutz als auch für die wissenschaftliche Erforschung von Feuchtgebietsökosystemen eine herausragende Bedeutung.
Jörg Asmus, Kalmar (Schweden)

